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Corona-Tagebuch: Grüße aus der Nachbarschaft

Martin Busche zählt mit uns allen die Tage, die uns Corona stiehlt und führt ein öffentliches Tagebuch: subjektiv, ehrlich, schonungslos. Bis Corona uns hoffentlich scheidet.
Sonntag, 29. März

Ich habe heute einen Korb bekommen, von meiner Nachbarin. Ist nicht weiter schlimm, ich komm damit klar. Meine Nachbarin wohnt im Haus nebenan, sie links von der Wand, ich rechts.

Wir treffen uns neuerdings jeden Abend. Punkt 21 Uhr. Trotz Kontaktverbot. Zum Klatschen: Sie auf ihrem Balkon, ich auf meinem. Das sind locker fünf Meter, der Mindestabstand ist gewahrt. Ansteckung unwahrscheinlich, wir könnten also Schwester und Bruder im Geiste sein. Gute Nachbarn. Dachte ich mir so, sie nicht. Kaum angefangen mit meinem Plausch, ganz locker von Balkon zu Balkon, im Dunkeln, über die Themen der Zeit, wird sie ganz schnell unruhig, zeigt aufgeregt in eine Wohnung irgendeines Nachbarn, die eigentlich dunkel ist, will dort im Fernsehen eine Sendung entdeckt haben, die sie schon immer mal sehen wollte. Und ist weg. Tür zu.

Dümmer geht es nicht. Früher als Schüler hatten die Mädchen wenigstens noch einen Freund, wenn sie sich mit mir nicht treffen wollten. Oder ganz viele Hausaufgaben. Damit konnte ich leben. Hausaufgaben hatte ich ja auch.

Aber heute? In Zeiten von Netflix und Mediathek; eine Sendung im Fernsehen, die sie auf keinen Fall verpassen darf? Gesehen in einem Fernseher eines Nachbarn, der mutmaßlich gar nicht da ist. Danke, ich habe verstanden.

Ich nehme das auch wirklich nicht persönlich, suche den Fehler lieber bei mir. Vielleicht hatten meine Themen ja noch Luft nach oben, so ein Erstkontakt will gut geplant sein: Fehlendes Toilettenpapier, Desinfektionsmittel und Seife sind vielleicht nicht „Jederfraus“ Sache für das erste Mal. Kann sein, Frauen sind da ja manchmal ein bisschen komisch – Männer auch.

Vielleicht ist es auch das Geld. Sie ist Typ Lehrerin, pensioniert. Mathe vielleicht, Physik oder Chemie. Ihr Balkon ist so clean, dass selbst Corona ein anderes zu Hause bevorzugen würde. Meiner ist Typ Künstler, er lebt und ist voll bio. Hier ein Körnchen, dort ein Stäubchen, alles gerecht verteilt. Die Blumen sind Reste vom letzten Jahr. Ich hasse diese Wegwerfgesellschaft..

Ihr Balkon ist auch deutlich größer als meiner. Hochgerechnet auf die Größe ihrer Wohnung und verglichen mit der Horrormiete meiner Wohnung bedeutet das: Viel Geld für sie, wenig für mich. Finanziell bin ich tatsächlich keine gute Partie.

Ich habe aber auch was zu bieten. Sie scheint deutlich älter zu sein als ich, so weit man das sehen kann im Dunkeln. Mir sieht man meine 55 Jahre nicht wirklich an – sag ich jetzt mal so. Oder…

Optisch wäre für mich vielleicht deshalb was drin. Das würde aber die Grundfeste unserer eh fragilen Beziehung gefährden. Und wir alle brauchen ja Stabilität in diesen lausigen Tagen. Wenn keine Ausgangssperre ist, die nicht so heißen darf, weil das so harsch klingt, schauen wir gezielt weg, wenn wir uns sehen. Meine Küche guckt direkt in ihr Schlafzimmer und umgekehrt. Das macht das Leben bisweilen kompliziert: Will ich mir was kochen, schleiche ich mich im Dunkeln in die Küche, schalte erst das Licht an, wenn bei ihr sicher keines brennt.

Was sie macht, wenn bei mir Licht an ist, weiß ich nicht, es ist bei ihr ja dunkel. Das ist ihr Pech. Seitdem ich weiß, dass sie weiß, dass ich sie sehen kann, ist meine Küche wie ihr Balkon, immer top in Ordnung. Das ist Arbeit, kann dauern. „Aber was sollen denn die Nachbarn denken?“

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