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Eimsbütteler Dunkelrestaurant „unsicht-Bar“ muss schließen

Von Eimsbütteler Nachrichten

Es gibt nur wenige Arbeitsplätze, bei denen Blinde und sehbehinderte Menschen einen Vorteil gegenüber sehenden Kollegen haben. Das Eimsbütteler Dunkelrestaurant „unsicht-Bar“ ist ein solcher Ort. Nun muss das Lokal schließen – und seine Mitarbeiter gehen.

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Durch ein Zusammenspiel von Sinnen erfassen wir unsere Umwelt. Doch wie verändert sich unsere Wahrnehmung, wenn ein Sinnesorgan wegfällt? Wie schmeckt ein Gericht, wenn das Auge nicht mitisst? Dieser Erfahrung können sich Gäste in dem Eimsbütteler Dunkelrestaurant unsicht-Bar stellen.

Seit 13 Jahren serviert das Team der unsicht-Bar Hamburg im Kleinen Schäferkamp Gerichte im Dunkeln. Nun muss das Restaurant zum Jahreswechsel schließen. Zwar läuft der Mietvertrag noch bis 2026, doch der Berliner Betreiber der unsicht-Bar Hamburg, der selbst für eine Stellungnahme nicht zur Verfügung stand, möchte das Dunkelrestaurant aufgeben.

Das Ringen um eine Nachfolge

Die letzten Monate der unsicht-Bar Hamburg waren ein Tauziehen um Bleiben oder Schließen. Mehrmals konnten die Mitarbeiter aufatmen, weil es schien, als sei ein Nachfolger gefunden. Dreimal saß der Betreiber am Verhandlungstisch – immer wieder scheiterte die Übernahme.

Zuletzt wollte ein langjähriger Mitarbeiter der unsicht-Bar Köln das Hamburger Lokal übernehmen. „Damit wäre er Deutschlands erster blinder Gastronom geworden“, erzählt der Gründer der unsicht-Bar Axel Rudolph, er fungiert noch heute als Lizenzgeber und Berater. Doch kurz vor der Unterschrift brach der bisherige Betreiber die Verhandlungen erneut ab. Nun muss die Bar schließen: Am 22. Dezember werden Gäste hier zum letzten Mal im Dunkeln essen.

Der Empfang der "unsicht-Bar Hamburg". Foto: Vanessa LeitschuhDer Empfang der „unsicht-Bar Hamburg“. Foto: Vanessa Leitschuh

Das Restaurant habe schon seit längerer Zeit finanzielle Probleme gehabt, erklärt Geschäftsführerin Katja Szczecinna-Hinz. Wenn die Zahlen nicht stimmen, habe es für ein Wirtschaftsunternehmen keinen Sinn weiterzumachen, nur damit die Mitarbeiter ihren Job behalten. „Das kann man dem Betreiber nicht wirklich vorhalten. Dennoch ist es bitter.”

Ein Ort, der zur Familie wurde

Trotzdem hätte er gegensteuern können, wenn er frühzeitig etwas investiert hätte, findet Szczecinna-Hinz. So stand weder für Werbung noch Renovierungen Geld zur Verfügung. „Der Betreiber hat die unsicht-Bar jahrelang neben seinen anderen Geschäften mitlaufen lassen“, erklärt Szczecinna-Hinz. „Aber eigentlich haben es die Menschen gerissen, die hier gearbeitet haben.“ Einige der Mitarbeiter sind von Anfang an dabei, andere seit vielen Jahren. Sie kennen sich gut und sind ein eingespieltes Team. „Für die Mitarbeiter war dieser Ort immer wie eine Familie“, so die Geschäftsleiterin.

Besonders für die blinden und sehbehinderten Kellner des Dunkelrestaurants sei es schwierig, eine neue Arbeit zu finden, in der sie so wertgeschätzt werden. „Die Kellner kommen jeden Abend hier raus und werden von den Gästen bejubelt“, so Szczecinna-Hinz. “Ich befürchte, dass sie nicht so leicht etwas Neues finden, bei dem sie wie die Fische im Wasser sind.“

Die Anfänge der „unsicht-Bar“

Gründer der unsicht-Bar, Axel Rudolph, eröffnete 2001 das erste deutsche Dunkelrestaurant in Köln. Es folgte ein weiteres in Berlin und schließlich die unsicht-Bar Hamburg im Kleinen Schäferkamp 36. Die Restaurants entstammen dem gleichen Hintergrund wie auch der „Dialog im Dunkeln“, in dem Besucher in völliger Finsternis einen Parcour durchlaufen.

Auch hier helfen blinde Menschen den Sehenden, sich zu orientieren. Doch während die Ausstellung „Dialog im Dunkeln“ in erster Linie Besuchern das alltägliche Leben eines Blinden näherbringt, steht in den unsicht-Bars die Selbsterfahrung im Vorderung.

Hier konnten Gäste vor dem Betreten des Speiseraums ihre Menüs wählen. Foto: Vanessa LeitschuhHier können Gäste vor dem Betreten des dunklen Speiseraums ihre Menüs wählen. Foto: Vanessa Leitschuh

„Wir wollten mit der unsicht-Bar von der Öffentlichkeitsarbeit wegkommen“, so Axel Rudolph. „Natürlich erfährt der Gast auch hier, wie das alltägliche Leben im Dunkeln aussieht. Aber er kommt in erste Linie in die unsicht-Bar, um etwas über sich selbst zu erfahren.“

Nun hoffen Axel Rudolph und das Hamburger Team, neue Räumlichkeiten für die unsicht-Bar zu finden. Auch ein bestehendes Restaurant mit einem Raum für das Essen im Dunkeln – wenn auch nur für einige Abende in der Woche – sei eine mögliche Alternative.

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