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Polizisten reißen Schwarzen Altenpfleger vom Fahrrad

Am 18. April reißen drei Zivilpolizisten den Schwarzen Altenpfleger John H. im Veilchenweg von seinem Fahrrad. Er besucht Patienten – sie halten ihn für einen Drogendealer.

Die Welt geht auf die Straße: Seit Wochen bestimmen Proteste in den USA und die Debatte um Rassismus die Nachrichten. Auslöser war der Mord an George Floyd. Minneapolis ist weit weg. Polizeigewalt ist es nicht.

Auch John H. hat Gewalt durch Polizisten erlebt. Mitten in Eimsbüttel. Der 31-Jährige arbeitet als Altenpfleger, besucht seine Patienten täglich mit dem Fahrrad. Auf seiner Tour am 18. April fühlt er sich beobachtet, sieht immer wieder denselben Mann vor den Häusern seiner Patienten. John fährt weiter zum nächsten Termin. Auf Höhe der Bushaltestelle Veilchenweg reißen ihn drei Männer „gewaltvoll“ vom Fahrrad, schildert er später auf Instagram.

„Ich hoffe, wir sind cool miteinander“

„Sie haben mich heruntergerissen, meine Arme auf den Boden gedrückt“, erinnert sich John H. Ohne Erklärung. Erst denkt er, er wird Opfer eines Überfalls. Dann legen die Männer ihm Handschellen an. Passanten mit Kindern gehen vorbei und gucken. „Alles gut, wir sind von der Polizei“, hätten die Männer gesagt. John H. begreift, dass es Zivilpolizisten sind, die ihn festhalten. Er erklärt, dass er als Altenpfleger arbeitet. Zeigt seinen Ausweis, seinen Tourenplan mit den Adressen der Patienten. Erst dann hätten sich die Männer auch vor ihm als Polizisten zu erkennen gegeben.

Auf Nachfrage erklären die Beamten, sie hätten einen Tipp bekommen: In einigen der Häuser würden Drogen gedealt. John H. besucht seine Patienten für mehrere Minuten und fährt dann weiter – für die Polizisten ein typisches Verhalten für den Handel mit Drogen. Der Altenpfleger wirkt auf die Beamten wie ein „Drogentaxi“. Als die Zivilfahnder ihren Fehler bemerken, nehmen sie die Handschellen ab und helfen ihm auf. Sie befragen ihn vor Ort, etwa eine halbe Stunde hätte das gedauert. „Ich hoffe, wir sind cool miteinander“, habe einer der Polizisten noch gesagt.

„Wie mit uns umgegangen wird, ist inakzeptabel“

John H. fährt geschockt nach Hause. Im ersten Moment will er nur weg, kann noch nicht verstehen, was ihm gerade passiert ist. Handy, E-Bike und seine Uhr sind beschädigt. Auch er selbst wurde verletzt. Er zieht sich saubere Kleidung an, fährt dann zurück ins Büro. Dort warten bereits die Polizisten und sprechen mit seinem ahnungslosen Chef. „Sie haben kontrolliert, ob ich auch wirklich da arbeite“, so John H. Wieder hätten die Beamten betont, dass alles „cool und geklärt“ sei. „Ich war völlig fertig“, erinnert sich John.

Er braucht zwei Tage, bis er seinen Eltern von dem Vorfall erzählt. Seine Schwester ermutigt ihn, die Geschichte an die Öffentlichkeit zu bringen. Es sei ihm schwergefallen, über das Erlebte zu schreiben, sagt John. Mithilfe seiner Familie schafft er es trotzdem. Er wolle darauf aufmerksam machen, wie Schwarze Menschen im Jahr 2020 in Deutschland behandelt werden. „Wie mit uns umgegangen wird, ist inakzeptabel“, beendet er seinen Post auf Instagram, den er am 3. Mai veröffentlicht.

Polizei entschuldigt sich – in Instagram-Story

Der Post schlägt Wellen: Bis heute wurde er über 66.000 Mal geliked, vielfach geteilt. Den Eimsbütteler erreichen hunderte Nachrichten. Er bekommt viel Zuspruch, aber auch Anfeindungen. Die schlimmen Nachrichten lese er erst gar nicht.

Dann meldet sich die Polizei. Ebenfalls über Instagram, in Form einer Story: Ein Format, dass nur für 24 Stunden im Nachrichten-Feed der Nutzer sichtbar ist. Sie bestätigt den Vorfall und entschuldigt sich. „Unsere Kollegen haben nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt, lagen aber falsch“, heißt es. „Das polizeiliche Einschreiten orientiert sich nicht am Aussehen einer Person, sondern an deren Verhalten“, so Holger Vehren, Pressesprecher der Polizei auf Nachfrage der Eimsbütteler Nachrichten zu den Rassismus-Vorwürfen. Das Verhalten von John H. sei verdächtig, und er nicht als Altenpfleger zu erkennen gewesen. Die Beamten hätten sich noch vor Ort für die „Unannehmlichkeiten des dynamischen Einschreitens“ entschuldigt, so Vehren. Der Pflegernahm die Entschuldigung an, doch nur „weil ich unter Schock stand und schnell weg wollte“, meint John H.

Warum hat sich die Polizei nicht in zugänglicherer Form zu dem Vorfall geäußert? „Die Wahl der Art der Veröffentlichung orientierte sich daran, dass der Betroffene ebenfalls diesen Weg gewählt hatte“, begründet Vehren die Entscheidung. Das Instagram-Statement der Polizei habe John H. überrascht – ernstnehmen könne er es aber nicht. „Ich kann das so annehmen. Aber was das mit mir macht, ist eine andere Sache“, so der Altenpfleger.

Der Einsatz belastet den Altenpfleger auch Wochen später schwer. Für die handelnden Beamten hat er noch keine Konsequenzen:

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