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Expertenrunde: Drogen auf St. Pauli und kein Spritzenautomat.

Drogenpolitik ist Gesundheitspolitik. Dieses Statement blieb den Besuchern der Expertenrunde zum Thema: „Kein Spritzenautomat auf St.Pauli! Ist das Gesundheitspolitik?“ im Ohr. Geladen zu dem Austausch mit den hochkarätigen Referenten Astrid Leicht, Fixpunkt Berlin, Brigitte Bersch, AIDS-Hilfe NRW, Gudrun Greb, ragazza e.V. hatte der Sankt Pauli Bürgerverein am Montag ins Sankt Pauli Museum. Moderiert wurde von Dieter Lohberger.

Der Verein fordert seit Jahren Spritzenautomaten und Entsorgungscontainer im Stadtteil. Denn sie helfen nicht nur den Süchtigen, sondern verhindern auch Ansteckung bei Flaschensammlern, die sich bei der Suche nach Pfanddosen an den weggeworfenen Spritzen in den Papierkörben anstecken. Gleiches gilt für Kinder oder Hunde und Katzen, die mit dem Junkiewerkzeug auf Spielplätzen oder Parks in Kontakt kommen können.

In anderen Landesteilen wie NRW und Berlin gibt es mittlerweile eine organisierte und flächendeckende Versorgung mit Spritzenautomaten und Entsorgungscontainern. Hier arbeiten das Grünamt, die Polizei, die Anwohner und die Träger wie z.B. die AIDS-Hilfe eng zusammen.
Denn es hat sich dort das Verständnis durchgesetzt: Was dem Junkie nutzt, nutzt auch dem Stadtteil. So werden auch die Apotheken entlastet, die den nächtlichen Süchtigen bisher versorgten.

Die Bereitstellung von sterilen Spritzen in einem Automaten für 50 Cent verhindert natürlich keinen Drogengebrauch, jedoch senkt sie das Infektionsrisiko mit HIV und Hepatitis enorm, weil die gemeinsame Nutzung von Spritzbestecken eingedämmt wird.
In Hamburg hatte damals Innensenator Schill die existierenden Automaten sogar in den Gefängnissen abbauen lassen, weil es, so die Logik, ja keinen Drogenkonsum in den Knästen gebe. Das logische Ergebnis: ein Anstieg der Hepatitis-Fälle.

Dass sich die Hamburger Politik mit dem Thema schwer tut, ist kaum nachvollziehbar. Argumentiert wird, dass sich die Junkies um die Automaten sammeln würden, sowie das auch Raucher vor dem Zigarettenautomaten oder Kinder vor dem Kaugummiautomaten machen. Also eben nicht.
Die Bereitstellung von frischem Spritzbesteck hat ausschließlich gesundheitliche Aspekte. Zum Vergleich kann sich jeder vor Augen führen, dass Zigaretten- und Kondomautomaten auch nicht mit dem Anstieg des Konsums in Verbindung gebracht werden, lediglich die Beschaffung wird erleichtert und anonym ermöglicht.

Auch die Aufstellung solcher Behälter würde Junkies anlocken ist ein Argument. Gudrun Greb von ragazza e.V. meinte: „Das ist komplett weltfremd, denn sie sind ja schon da“.
Auch das Argument, es solle nur eine Abgabe in betreuten Einrichtungen geben ist dünn, denn die haben meisten gar nicht geöffnet.
„Um die Junkies dennoch in eine Beratung zu lotsen, werden in Berlin an den Abwurfstellen Aufkleber angebracht, die auf die Betreuung verweisen“, erzählt Astrid Leicht.

Wie hoch der Bedarf an sterilen Spritzen ist, zeigen die aktuellen Zahlen von Safer Use. Die Anzahl der abgegebenen Spritzen in Nordrhein-Westfalen zwischen 2015 und 2017 betrugen in Köln 23240, Bielefeld 20400, Dortmund 19200 und Münster 10750 Einheiten. In NRW wurde die Anzahl der Automaten in 30 Jahren von 25 auf 110 erhöht.

Dass sich auch Hamburg dieses Themas stellen muss, zeigt auch die erhöhte Suchtbereitschaft der Bevölkerung. Brigitte Bersch von der AIDS-Hilfe NRW berichtete, dass neben den Cocktails aus Kokain und Heroin nun auch noch legale psychoaktive Drogen dazu gemischt werden. Der Kick muss eben besser werden.
Wie sich das Bewusstsein in diesem Thema gewandelt hat, zeigt ein Anruf, den Astrid Leicht von einem Berliner CDU-Abgeordneten bekam, der meldete, dass der Spritzenautomat im Viertel kaputt sei.
Mal sehen, wann es in Hamburg klick macht.