Aktuelle Nachrichten aus Hamburg, der Welt, zum HSV und der Welt der Promis.
Abmelden
Dieser Inhalt wird Ihnen bereitgestellt von reeperbahn.de

Sankt Pauli – eine Leiche, die beatmet wird?

Von ihm stammen Zitate wie „Es pisst MICH tierisch an, dass die überall hin pissen“ („Wir pinkeln zurück-Kampagne“) oder „Ist Sankt Pauli eine Leiche, die künstlich beatmet wird?“ Die Rede ist von Flaneur, Schmuckdesigner, Diakon, Sozialarbeiter, Schauspieler und Kiezprominenten Götz Barner. Unter dem Label „White Dandy“, was seinem weißen Fell-Mantel geschuldet ist, macht er Gästeführungen durch sein Viertel. Ein Blick hinter das Vergnügen, dort wo gelebt und gearbeit wird. „Ohne das wahre Leben, wäre der Kiez ein reiner Budenzauber.“

Über 30 Jahre lebt er Tür an Tür mit Prostituierten, Halbwelt, Glamour und den vielen Leuten, die auf Sankt Pauli um ihren bescheidenen oder auch glamourösen Lebensstandard kämpfen. Zusammen mit Corny Littmann – Schmidt-Theater – inszenierte er das erste Schwulencabarett Deutschlands. „Brühwarm“ hieß die Impro-Truppe, die überall, wo sie auftrat, die Debatte ums Schwulsein in den prüden 70ern anfachte. Ein echter Pionier der heutigen Regenbogenbewegung.

Die Sinnsuche jener Zeit führte ihn zu Osho nach Poona. Ein dreiviertel Jahr lebte er dort, machte Meditationen, Gruppenarbeit in nackt, war auf der Suche nach einer anderen Welt. Die fand er schließlich im Ortsteil Sankt Pauli, in dem in den 80er Jahren bedingt durch die Matrosen und die Neugier auf ferne Länder noch Respekt und Toleranz vorherrschte und günstige Mieten selbstverständlich waren.
– Leben und leben lassen –

„Da hat sich eine Menge geändert „

Auf Pauli eröffnete er seinen Schmuckgroßhandel mit eigener Produktion in der Paul-Roosen-Strasse. Als gefragter Designer fuhr er zu den großen Messen nach London, tourte innerhalb Deutschlands und reiste in die USA. H+M war einer seiner Hauptabnehmer. Mit dem Aufkommen des e-commerce und der Digitalisierung in allen Bereichen, dem Schrumpfen der Fachmessen und der leidigen Finanzkrise, ging für ihn auch ein Stück des Persönlichen verloren. „Hier ist Leidenschaft für das Geschäft auf der Strecke geblieben.“ Das „Persönliche“ war und ist ihm immer wichtig gewesen. Und das ist in seiner Generation auf Pauli fest verankert.
Kritisch sieht er neben den Großveranstaltungen, die die Anwohner be- und verdrängen, die unverschämten Mieten und den fehlenden Gestaltungswillen der Hausbesitzer. „Eine Überzahl an Kiosken in einem Amüsierviertel, das ist kompletter unausgewogener Schwachsinn.“

Mittlerweile ist Götz ein begehrtes Fotomotiv und Diskussionspartner geworden. Jüngst machte er im Rahmen einer NDR-Reportage „Der Abenteuerfotograf „Furore.

Und wie war das mit dem berühmten Leichenzitat eigentlich gemeint? „Wenn heute Leute Nostalgie und Kiezfolklore verkaufen und so tun als haben Sie Domenica persönlich gekannt, dann wird etwas künstlich am Leben gehalten, was es so nicht mehr gibt. Ich erzähle ja auch keine Geschichten aus dem 1. Weltkrieg“, so Götz.

Touren mit ihm kann man hier buchen.